Direkt zum Inhalt

Erich-Fried feiert Erich Fried

05.05.2021
(c) Rupp

Erich-Fried feiert Erich Fried

In einer Zeit von gesellschaftlicher Restauration, WM-Titel und „Wir sind wieder wer“ war es nach dem Krieg nicht schwierig, durch politische Literatur anzuecken, zu sehr hatten es sich viele Deutsche in einer Biedermeier-Kultur bequem gemacht. Da galt ein politischer Autor wie Erich Fried schnell als „Stören-Fried". Er, dessen Vater 1938 bei einem Gestapo-Verhör starb und der über Belgien nach London fliehen musste, war unbequem für viele, die ihre Augen gerne vor dem Völkermord und dem Gräuel der NS-Zeit verschlossen. Als kritischer Lyriker und Aktivist in der APO legte er den Finger in die Wunde der Deutschen und trug viel zum allgemeinen Umdenken in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bei. Doch Erich Fried war mehr als nur politischer Aktivist, als Shakespeare-Übersetzer schaffte er es wie keiner vor ihm, die Wortgewalt des englischen Dramatikers in die deutsche Sprache zu übertragen. Seine Liebeslyrik ist bis heute zeitlos, seine Poetik einzigartig.

Erich Fried hat 1988, nur wenige Monate vor seinem Tod unsere Schule besucht. Vorausgegangen war eine politische Diskussion um das in unserer Schule ausgehängte Gedicht „Wo liegt Nicaragua?“, in welchem der Dichter ausgehend von der Iran-Contra-Affäre illegale Kriegsführung kritisiert. Von einem Lokalpolitiker als „sozialistische Kaderschmiede“ verschrien, entstand im Zeichen des Ost-West-Konflikts vor Stadtrat und Landtag eine politische Diskussion um unsere Schule, die es bis in die überregionale Presse schaffte. Der SV gelang es, den Dichter einzuladen und in unserer Schule über den Vorfall zu diskutieren. Frieds Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler war überwältigend und nachhaltig. 

Im Jahr 1997 stellte die Schulkonferenz den Antrag, die Schule in „Erich-Fried-Gesamtschule Ronsdorf“ umzubenennen. Doch ein eigentlicher Verwaltungsakt entwickelte sich auch hier wieder zum Politikum. Auch lange nach seinem Tod galt der Dichter bei einigen Wuppertaler Politikern noch als „Stören-Fried“. Dennoch wurde unsere Schule mit Stimmenmehrheit umbenannt und zeugt noch heute von einem streitbaren Literaten, dem die Freiheit mehr am Herzen lag als politische Wohlbekömmlichkeit.

Und so feiern wir - in Kooperation mit dem Schulreferat des Kirchenkreises Wuppertal - unseren Namensgeber, diesen literarischen Giganten des 20. Jahrhundert, der mit feiner Zunge, spitzer Feder und klarer Haltung so manchen trägen Geist aufrüttelte. Trotz Corona möchten wir ihm ein Fest bereiten, zu dem wir alle Interessierten gerne einladen möchten. Am 05. Mai 2021, dem Vorabend seines 100. Geburtstages laden wir zu einem digitalen Interview mit dem Fried-Experten Thomas Wagner ein, der mit dem Werk „Der Dichter und der Neonazi“ eine Episode in Frieds Leben beleuchtet, die in Anbetracht von rechtsradikalen Anschlägen und dem zunehmenden Erfolg rechtspopulistischer Parteien aktueller erscheint denn je. Ende 1984 führte Erich Fried einen Briefwechsel mit dem Neonazi Michael Kühnen in dem festen Glauben, dass der Mensch nicht unbelehrbar sei. 

Auch heute stellt sich die Frage, ob man mit Nazis reden dürfe oder sogar solle. Der „Arbeitskreis Rassismus“ unserer Schule stellt sich diese Frage immer wieder und erhofft sich aus dem Interview, in welchem neben Autor Wagner und unserem geschätzten Kollegen Benjamin Breutel als Moderator auch Schülerinnen und Schüler zu Wort kommen werden, Antworten oder zumindest neue Impulse. Neben einem Grußwort unserer Schulleiterin Heike Flowerday wird es zudem auch für Zuschauer im Anschluss die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen.

Das Interview, für welche die Installation der Videoplattform Webex notwendig sein wird, werden am 05.05.2021 um 16:45 Uhr auf dieser Seite online gestellt. An der Diskussion um 18.00 Uhr können Interessierte über den oben stehenden Link teilnehmen. Wir freuen uns auf viele Zuschauer und spannende Diskussionen.

 

Text: Benjamin Breutel und Mathis Ullrich

Grafik: Sebastian Rupp

Aktuelles